Die «Schrägen Vögel» spielen Theater, bieten Crêpes an und stricken seit neustem auch noch Mützen. Die Gruppe besteht aus Leuten, die am Rande der Gesellschaft leben. Diese Gemeinschaft ist der Ort, wo sie sich verstanden und respektiert fühlen und wo sie frischen Lebensmut fassen konnten.
Von Maria Reiser – 28. Juni 2016
Es nieselt an diesem Frühlingstag. Nur wenig Licht dringt durch die breite Fensterfront in den kleinen Raum nahe der Limmat. Plastik- und Papiertüten liegen auf dem Tisch und dem Fussboden. Darin befinden sich zig Wollknäuel in zartem Rosa, knalligem Pink, königlichem Blau oder mattem Schwarz.
Jetzt, um 16.15 Uhr, ist noch nicht viel los. Urs richtet draussen alles für die Verpflegung her. Projektleiterin Nicole Stehli fragt in die Runde, wer was trinken möchte. Alkohol trinkt hier niemand. Eine kurze Unterredung zwischen Stehli und einer unauffällig gekleideten Frau zeigt, weshalb. Die Frau meint, sie sei ganz und gar nicht damit einverstanden, wenn rückfällige Alkoholiker bei den «Schrägen Vögeln» mitmachten.
Projekt half aus der Einsamkeit
Die «Schrägen Vögel» sind eine Theatergruppe, die Stehli 2009 gegründet hat. Die Sozialpädagogin arbeitete damals bei Pfarrer Sieber und habe die Notwendigkeit erkannt, den Bedürftigen eine Beschäftigung zu bieten. Eines der Mitglieder ist Urs, er ist heute für die Crêpes zuständig. Früher hat er gekifft. Und Urs war allein. Zu dieser Zeit kam das Projekt gerade richtig. Es hat ihn aus seiner Einsamkeit und aus einer schlimmen Krise geholt. Mittlerweile ist er jedes Jahr für das Weihnachtsmenu verantwortlich. Nach der Meinung von Stehli, «weil er so gut kocht». Und Urs ergänzt: «Man kann hier seine Stärke finden und sich dementsprechend einbringen.» Deshalb macht er heute Crêpes, statt zu stricken.
Beim aktuellen Projekt könnten alle mitmachen, die wollten, sagt Stehli. Ob jemand stricke, Wolle bringe oder etwas anderes dazu beitrage, spiele keine Rolle – alles sei willkommen. Alle drei Wochen trifft sich die Gruppe zum Stricken. Dazu kam es, weil Lotti, ein Mitglied der Theatergruppe, im letzten Winter Mützen für ihre Freunde angefertigt hat. Urs und die anderen Mitglieder haben sich ob dieses Weihnachtsgeschenks so gefreut, dass sie es dieses Jahr nun als Langzeitprojekt weiterführen. Die Mützen wollen sie an Veranstaltungen und auf Märkten verkaufen. So erhoffen sie sich, die Theatergruppe querfinanzieren zu können.
Diese studiert zweimal pro Jahr ein Stück ein, das sie jeweils selber schreibt. Jeder überlegt sich, wie seine Rolle genau aussehen soll, welche Kostüme am besten passen oder was den Charakter der Figur zusätzlich unterstreichen könnte.
Manuela erzählt gerade, wie sie sich als Punk verkleiden möchte. Denn das neue Stück spielt auf einem ausrangierten Luxus-Kreuzfahrtschiff. Zur Crew und den Gästen gehören einige schrille Gestalten.
Süchte führten zur Ausgrenzung
Manuelas Geschichte ist wohl keine einfache. Obschon sich die Mitglieder über ihre schwierigen Vergangenheiten bedeckt halten, ist spürbar, was sie erlebt haben könnten. Die Rede ist von Alkohol- und Drogensucht, von psychischen Problemen sowie der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung. Während die Männer und Frauen sprechen, schielen sie immer wieder zu Stehli hinüber, als wollten sie sich vergewissern, dass sie nichts Falsches sagen. Aber an diesem Frühlingsnachmittag haben sie nichts Falsches gesagt. Sie haben einen Lebenslauf, der vom Normalfall abweicht und mit dem sie nicht hausieren gehen.
Die Crêpes kommen
Draussen ist der Crêpe-Stand nun bereit. Urs greift mit der Kelle tief in die Schüssel hinein und schwenkt sie herüber zur heissen Herdplatte, der Crêpière. Derweil sitzen drinnen die Frauen. Sie stricken und unterhalten sich. Draussen hat sich der Regen mittlerweile gelegt; die weichenden Wolken geben nun die Sicht auf den hellblauen Himmel frei. Ganz wie im Liedtitel von Artur Beul: «Nach em Räge schint d Sunne».
Zwei Vorführungen
Am Freitag und Samstag, 7. und 8. Juli, führen die «Schrägen Vögel» im Johanneum an der Aemtlerstrasse 43 in Wiedikon jeweils ab 19.30 Uhr ihr neues Theaterstück «Willkommen auf Queen Ros(t)marie» auf. Der Eintritt ist frei, eine Kollekte willkommen.